Kapitel 3: Das gute Leben, das Universum und der ganze Rest

Das gute Leben des einzelnen hat meines Erachtens nach einen über sich selbst hinausweisenden, utopischen Charakter. Das weiß jeder, der schon einmal versucht hat, mit einem Team aus Unzufriedenen ein Projekt zu gestalten. Unglückliche Menschen bewirken wenig bis nichts. Mit glücklichen Menschen ist alles möglich.

Es gibt nichts kontraproduktiveres als Leid. Viele behaupten, dass man daran wächst. Mag sein. Meiner Erfahrung nach dann aber meistens in die falsche Richtung. Zudem ist man dauernd abgelenkt vom eigenen Schmerz. Geht es mir hingegen gut, habe ich auch die Kraft, etwas beizutragen und eine Sache voran zu bringen.

Und das, das Voranbringen, ist meiner Überzeugung nach die Aufgabe unseres Lebens. Das Leben ist dazu da, die folgende Frage immer wieder neu zu beantworten:

How can we make the present into a richer future?

Die Frage habe nicht ich gestellt, sondern Richard Rorty, einer der wichtigsten Vertreter des philosophischen Pragmatismus. Rorty weist der Philosophie die Aufgabe zu, Wahrheit und Sicherheit durch Vorstellungskraft und Kreativität zu ersetzen, um das Individuum zu befähigen, seine Leben stetig zu verbessern.

… one should stop worrying about whether what one believes is well grounded and start worrying about whether one has been imaginative enough to think up interesting alternatives to ones present beliefs.

Er und seine Philosophenkollegen aus den USA kümmern sich kaum um Wahrheit, sie stehen für den Glauben an kontinuierlichen Wandel und sehen sich als Berater auf dem Weg zu einer immer neuen, immer besseren Welt. Für Rorty sind “Vertrauen” und “Kooperation”, aber auch “Neugier” und “Offenheit” die wesentlichen menschlichen Werte. Durch sie entsteht in der Gesellschaft das, was er die “Social Hope” nennt, die Idee eines kontinuierlichen Utopia, in dem hinter jeder Ecke eine bessere Welt wartet.

Das kann man naiv nennen. Ich nenne es motivierend. Aber auch herausfordernd. Denn es braucht viel Kraft, um sich selber und die eigene Wahrheit immer wieder in Frage zu stellen und von Tag zu Tag erneut die Flucht nach vorne anzutreten.

Diese Kraft aber gedeiht nur im Glück. Offen und neugierig ist nur, wer voller Kraft ist und den Kopf frei hat für Neues. Es müssen glückliche Menschen sein, Menschen mit einem guten Leben, die sich an dieser Utopie versuchen. Wir brauchen Menschen, die sich gut fühlen, die sich engagieren, die gut vernetzt sind, die ihrem Leben einen Sinn geben wollen und die voller Antrieb sind. Diese Menschen werden unsere Welt voranbringen. Die glücklichen Menschen mit dem “guten Leben”.

Und wenn es jetzt wirklich die „Digitale Transformation“ wäre, die Rortys “Social Hope” rechtfertigt, weil sie den Menschen die nötigen Ressourcen zum Glücklichsein an die Hand geben, dann wäre das mehr als ein verdammt guter, quasi studienratswürdiger semantischer Anachronismus.

Nämlich toll für das Universum und den ganzen Rest.

Und deshalb sehen wir uns jetzt endlich ein paar Beispiele an!

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